Religion in Portugal

Die große Mehrheit der Einwohner Portugals bekennt sich zum katholischen Glauben. Die Religion spielt auch noch heute eine wichtige Rolle im Leben der Portugiesen. Von besonderer Bedeutung sind dabei Wallfahrtsorte wie Fátima und die portugiesischen Schutzheiligen.
Portugal Religion
Kloster-Ensemble Santuario am Cabo Espichel ( Foto: Falktext )

Von Marienkult und Seelenhäusern in Portugal – Kirche als Halt

Als Besucher in Portugal fallen einem die hübschen, vielgestaltigen Kirchengebäude, die Heiligenverehrungen und die bunten Umzüge zu Ostern auf. Die Menschen leben ihren Glauben, unter sich verändernden Rahmenbedingungen: bis 1974 in einer Diktatur, heute in einer Demokratie. 2011 bis 2014 schlitterte das katholische Land in einen wirtschaftlichen Konkurs. Die Geburtenrate sank um fast 20 Prozent.

Dennoch heiraten die Portugiesen weiter in der Kirche, beichten und begleiten ihre Kinder zur Taufe. Welche Rolle spielen Kirche und Glauben heute?

Glauben in Portugal

Der lange Weg zur Religionsfreiheit

Portugal hat 1911 mit dem »Lei da Separação« die Trennung von Staat und Kirche vereinbart. Seit 1910 war eine zivilrechtliche Scheidung möglich. Von 1940 bis 1975 revidierte sie die Allianz des Diktators Salazár mit dem Vatikan.

Seit 2001 ist die Religionsfreiheit in der Verfassung verankert. 80 bis 90 Prozent der Portugiesen folgen der katholischen Kirche. Die Bürger haben keine gesetzliche Verpflichtung, Kirchensteuer zu zahlen. 2014 wählten 36 Prozent der Paare eine kirchliche Heirat. Sie sind verpflichtet, beim Standesamt ein Aufgebot zu beantragen. Was die Trauung im Standesamt oder der Kirche angeht, so besitzen sie Wahlfreiheit.

Die Hochzeiten sind generell stark zurückgegangen. Vergleicht man die Zahlen von 1960 zu 2014, so sind sie von 70.000 auf 30.000 im Jahr gesunken. Ein positives Signal ist, dass in letztgenanntem Jahr 300 homosexuelle Paare geheiratet haben. 2016 war ein schicksalhafter Gesetzesentwurf des Parlamentes erfolgreich. Der damalige Präsident Cavaco Silva setzte sich mit seinem Veto gegen ein Adoptionsrecht für verheiratete homosexuelle Paare nicht durch.

Alltagsglauben

Es ist eine Sache, welche Glaubenssätze und Feiern die römisch-katholische Kirche in Portugal vorgibt und kann eine andere Sache sein, welche die Menschen leben. Viele Alltagsrituale üben die Portugiesen aus, ohne in die Kirche zu gehen. Dazu gehören Fürbitten im eigenen Heim, zum Beispiel das Vaterunser (Pai Nosso). So mancher Rosenkranz hängt über dem Ehebett. Und viele Madonnenfiguren finden ihren Weg aus Fátima in ein portugiesisches Haus.

Portugiesische Schutzheilige – vom Leben zum Glauben

Bevor man in Lissabon in den Flieger steigt, kann man dem Heiligen Christophorus am Kreisverkehr »Rotunda do Aeroporto« seine Segenswünsche aussprechen. Für Ausflüge, Seereisen, Autofahrten und Flüge übernimmt er die Verantwortung und verleiht innere Sicherheit. Die Marmorstatue ist das Werk von Leopoldo Neves de Almeida. Für Gläubige ist er ein Märtyrer und einer der 14 Nothelfer aus der frühchristlichen Liturgie des 2. bis 4. Jahrhunderts. Das Jesuskind soll er über einen Fluss getragen haben. Der Volksglaube an Sankt Christophorus existiert weiter, auch wenn die Kirche diesen nicht mehr teilt. Der Gedenktag von São Cristóvão ist der 25. Juli (katholisch) bzw. 24. Juli (evangelisch).

Die heilige Isabella von Portugal ist eine Schutzpatronin mit einer menschlichen Geschichte. Die als Rainha Santa Isabel bekannte Heilige wurde als Urenkelin des römisch-deutschen Kaisers Friedrich II. unter dem Namen Isabella von Aragon geboren. Als Zwölfjährige heiratete sie den 21-jährigen König Dionysius von Portugal.

Die Menschen schätzten Königin Isabella bereits zu ihren Lebzeiten, von 1271 bis 1336, als Friedensstifterin. So schlichtete sie den bewaffneten Konflikt zwischen ihrem Sohn und Ehemann. Kurz vor ihrem Tod als Franziskanerin trat sie wieder als menschlicher Schutzschild in eine kriegerische Auseinandersetzung ihres Sohnes: dieses Mal in die mit seinem Schwiegervater. Papst Urban VIII. sprach Rainha Santa Isabel 1625 heilig. Interessiert dich ihre Grabstätte, so findest du sie in Coimbra, im Kloster Santa Clara-a-Nova.

Opfergaben für den Heiligen Benedikt

Mit rituellen Geschenken drücken Gläubige ihre Beziehung zu Gott aus. In der Basilika St. Benedikt der nordportugiesischen Stadt Rio Caldo kannst du im Altarraum deine Opfergaben niederlegen und beten. Farbige Kacheln bilden das Leben des Heiligen ab. Die Kirche heißt dich unter ihrem Namen Basilika St. Benedikt der offenen Tür (Basilica São Bento da Porta Aberta) gern willkommen.

Der italienische Namensgeber der Kirche, Benedikt von Nursia, war der Begründer des Benediktiner-Ordens. In seiner Lebenszeit, von circa 480 bis 547, hatte er die Regeln für das Zusammenleben der Mönche im Kloster entwickelt: die Benediktsregeln. Abgestoßen von den Sitten in Rom, fixierte der Abt nun für ihn wichtige Werte wie Demut, Schweigen, Gehorsam und Treue. Er half Kranken und Notleidenden und stiftete Frieden.

Glaube, Aberglaube und andere Vorstellungen

»Glaube hat keine Augen, wer zu sehen wünscht, hat keinen Glauben.«
(portugiesisches Sprichwort)

Wenn Menschen glauben – an einen Schöpfer, Gott oder eine außermenschliche Kraft – so verbinden das viele mit einer Person, einer Figur. Die katholische Kirche in Portugal unterstützt mit dem Leitbild von Jesus als dem einen Gott solch eine monotheistische Version. Gleichwohl ist das Glaubensspektrum der Menschen reicher. Manche glauben an eine Schöpfung oder das Universum, ohne dass sie eine Gestalt vor Augen hätten.

Es gibt fließende Übergänge vom Glauben zum Aberglauben wie bei der Wundergläubigkeit. Marienerscheinungen wie die von Fátima und die Kraft von Heiligen erkennt die katholische Kirche in Portugal oft an.

Der »superstição« genannte Aberglaube ist ein Teil der portugiesischen Alltagskultur. Unter Menschen aller Schichten und jeden Alters ist er verbreitet. Die Menschen lieben es, ihren Fenstern blaue oder gelbe Umrandungen zu schenken. Gelb symbolisiert Gold. Manche Portugiesen meiden Wege mit Leitern oder schwarzen Katzen. Auch Rückwärtsgehen solle man nicht. Man könne in einen Abgrund stürzen. Dagegen bringt ein Gastgeber seinen Gästen Glück, wenn er etwas Wein vergießt.

Die Institution Kirche in Portugal

In dem westeuropäischen Land existieren 21 Diözesen (Bistümer) und die Erzbistümer Lissabon, Braga und Évora.

2017 stellte sich die Portugiesische Bischofskonferenz gegen die Entscheidung eines Gewalt tolerierenden Richters. Er hatte einen körperlichen Übergriff gegen eine Frau als rechtmäßiges Mittel bei Ehebruch eingeordnet. Die Zulässigkeit würde durch die Bibel legitimiert. Die Bischöfe widersprachen, Gott sei Dank, dieser Deutung.

4.000 Priester verkünden in Portugal das Evangelium, nehmen Taufen vor und schließen Ehen. Das sind weniger, als gebraucht werden. Laienprediger, Frauen wie Männer, gestalten deshalb einen Teil dieser Aufgaben. Trotz der Zeichen von Liberalisierung verkörpert die Römisch-Katholische Kirche in Portugal den konservativen Kurs des Papstes.

Zusätzlich nehmen die Altkatholiken, Protestanten, Juden und Muslime einen kleinen Bevölkerungsanteil an den portugiesischen Gläubigen ein.

Fátima als Standort eines der raren Internationalen Heiligtümer

Die Dreifaltigkeitskirche in Fátima mit seinem goldenen, 500 Quadratmeter umspannenden Altarbild ist das Ziel für Pilger aus aller Welt. Als größter Kirchenneubau unseres Jahrhunderts hat sie der Papst als Internationales Heiligtum der Katholischen Kirche ausgezeichnet. Dazu gehören auch die alte Basilika und die Kapelle der Erscheinung. Nur acht solcher »Santuários Internacionales« existieren weltweit. Kranke, Autobesitzer und Käufer kirchlicher Souvenirs können Segnungen empfangen. Das Heiligtum von Fátima besitzt eine offizielle Website und veranstaltet Internationale Mariologische Marienkongresse.

Du findest in Portugal auch nationale Heiligtümer und Sanctuarien der Bistümer. Sie dienen Gläubigen zur Rast, Erholung, Seelsorge und Letzten Ölung. Die Wallfahrtskirche Bom Jesús do Monte, nahe Braga, und der Wallfahrtsort Almada nahe Lissabon sind spannende Ausflugsziele. In Almada findest du Christo Rei – die siebtgrößte Statue von Jesus Christus auf unserem Planeten.

Warum Kirchen solche Anziehungspunkte sind? Folgendes portugiesisches Sprichwort bringt es gut auf den Punkt:

»Alles endet, außer die Liebe zu Gott.«

Pilgerwege in Portugal

Ähnlich wie auf dem spanischen Jakobsweg kann man auf dem portugiesischen »Caminho Português« zu innerer Einkehr gelangen. Als Pilger läuft man hier von Lissabon oder Porto nach Santiago. Auf dem Küstenweg trifft man am Ende mit den aus aller Welt kommenden Wanderern wie Deutschen, Franzosen oder Spaniern zusammen. Das Ziel nach 600 oder 240 Kilometern ist die Kathedrale in der galicischen Stadt Santiago de Compostela.

Nach Fátima gibt es vier Wallfahrtswege, zunächst den 141 Kilometer messenden Tejo-Weg, von Lissabon aus. Zum Teil gehst du dabei den Jakobsweg. Auch auf dem Nazaré-Weg, dem Nordweg und dem Küstenweg gelangst du zum Marienheiligtum.

Eine portugiesische Besonderheit: Kollektivhochzeiten

Das Rathaus in der portugiesischen Hauptstadt übernimmt jährlich für 16 Lissaboner Paare die Kosten für ihre Hochzeit. Bei den festlichen »Bodas de Santo António« am 12. Juni, in der Kathedrale, gehen die Paare gleichzeitig den Bund der Ehe ein. Die seit 1997 wieder aufgekommene Veranstaltung zu Ehren des Heiligen Antonius bringt der Sender RTP als Live-Übertragung.

Vor Ort bietet sich dir als Tourist die Möglichkeit, dich an einen der vielen kleinen privaten Tische der Nachbarschaft zu setzen und an ihrer Bewirtung teilzuhaben. Bereits am Vorabend kannst du dem Volks-Umzug, den »Marchas Populares«, beiwohnen und seine Musik und Farben genießen.

Etwas Gruseliges zum Schluss: Die »Capelas dos Ossos«

«Die Wirklichkeit gibt nie so viel, wie die Einbildungskraft verspricht.»
(portugiesisches Sprichwort)

Bei diesem Thema verhält es sich anders. Die folgenden Orte sind für viele Besucher ungewohnt und eindrucksvoll. In Évora findest du sie, in Faro und Alcantarilha/Silves: die Knochenkapellen. Tatsächlich bestehen die Wände aus menschlichen Gebeinen und Schädeln. Weniger bekannt sind die Beinhäuser in Lagos und Monforte. In Faro existieren zwei: Ein Seelenhaus gehört zur Kirche Nossa Senhora do Carmo und das andere zur Kathedrale von Faro (Igreja de Santa Maria).

Bei der kleinen, zwei lebende Personen fassenden Kapelle in Alcantarilha resultieren die Gebeine aus Umbettungen vom nahen Friedhof. Du findest diese Knochenkapelle an der Südseite der Kirche: Igreja Paroquial de Nossa Senhora da Conceição do século XVI. 1.500 Knochen sind Bestandteil dieses einzigartigen Raumes. Zentraler Blickpunkt ist die Christusfigur am Kreuz aus dem 16. Jahrhundert.

Fazit: Portugals Kirchen gehören zu den hübschesten und größten der Welt. Es gibt kaum einen Katholiken in Portugal, der den Wallfahrtsort Fátima nicht kennt. Die Trennung von Kirche und Staat hat andere, neue Ehemodelle als das klassische, von Frau und Mann, möglich gemacht.

»Gott ist das Geld; und wenn es weg ist, ist der Teufel los!«

Das humorvoll formulierte Gleichnis in dieser alten portugiesischen Redewendung ist weiterhin aktuell. Für viele Portugiesen ist die katholische Kirche ein Halt, in einer sich verändernden Welt.

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