Schuhe aus Portugal: Warum »Made in Portugal« weltweit gefragt ist

Tradition trifft Hightech: Wie Portugal zur Schuh-Exportnation wurde
Schuhmacherei hat in Portugal eine lange Geschichte – Handwerk, das sich über Generationen weitergegeben hat und tief in der Kultur des Nordens verwurzelt ist. Lange galt die Branche als Billiglohnsektor für ausländische Auftraggeber. Das änderte sich ab den 1990er Jahren gründlich: Als große Hersteller ihre Produktion nach Asien verlagerten, blieben die portugiesischen Betriebe – und investierten. In Qualität, in eigene Marken, in Design.
Heute ist Portugal der zweitgrößte Schuhproduzent in Europa. Rund 90 Prozent der im Land hergestellten Schuhe gehen direkt in den Export – hauptsächlich nach Frankreich, Deutschland, Großbritannien, in die Niederlande und die USA. Der Exportwert lag 2024 bei 2,1 Milliarden Euro, mit einem durchschnittlichen Jahreswachstum von 15 Prozent seit 2020. Zwei Drittel der Exporte sind Lederschuhe.
Der Branchenverband APICCAPS (Associação Portuguesa dos Industriais de Calçado, Componentes, Artigos de Pele e seus Sucedâneos), gegründet 1975 und mit Sitz in Porto, koordiniert Strategie, Forschung und Messepräsenz für rund 700 Mitgliedsunternehmen. Die Vision ist klar formuliert: Portugal soll die internationale Benchmark der Schuhindustrie werden.
Schuhfabriken in Portugal: Der Norden ist das Herz der Branche
Wenn du mit dem Auto von Porto Richtung Norden fährst, fährst du durch das Kernland der portugiesischen Schuhindustrie. Die meisten der rund 1.500 Betriebe liegen in einem vergleichsweise engen Korridor zwischen Porto und der spanischen Grenze. Die wichtigsten Produktionsstandorte sind:
- Felgueiras – nordöstlich von Porto, ca. 40 km von der Stadt entfernt, gilt als inoffizielle Schuh-Hauptstadt Portugals. Hier liegt einer der beiden Standorte des Forschungszentrums CTCP, das an Automatisierung, neuen Materialien und nachhaltigen Produktionsmethoden arbeitet.
- Guimarães – Heimat des Kyaia-Konzerns und damit von Fly London und Softinos. Auch die nachhaltige Sneakermarke Zouri kommt von hier.
- Santa Maria da Feira und Oliveira de Azeméis – zwei weitere bedeutende Industriezentren südöstlich von Porto.
- São João da Madeira – ca. 32 km südöstlich von Porto gelegen, Heimat des zweiten CTCP-Standorts.
Wer diese Orte auf einer Nordportugal-Reise besucht, taucht unweigerlich in eine Welt ein, in der Schuhe nicht nur Produkt, sondern Kulturträger sind. Einige Betriebe bieten sogar Fabrikverkäufe oder Besichtigungen an.
Portugiesische Schuhmarken: Das sind die bekanntesten
»Made in Portugal« steht bei Schuhen für Qualität, Lederverarbeitung auf hohem Niveau und ein wachsendes Bewusstsein für Nachhaltigkeit. Hier sind einige der bekanntesten Marken, die in Portugal produzieren:
Fly London
Die wohl bekannteste portugiesische Schuhmarke weltweit. Fly London gehört zur Kyaia-Gruppe aus Guimarães und ist für ihr unkonventionelles, oft etwas kantiges Design bekannt.
Besonders in Großbritannien hat die Marke eine riesige Fangemeinde. Verkauft wird sie in über 57 Ländern. Kyaia selbst wurde 1984 gegründet und beschäftigt heute rund 600 Mitarbeitende bei einem Jahresumsatz von etwa 55 Millionen Euro.
Softinos
Ebenfalls aus dem Hause Kyaia, aber mit einem anderen Ansatz: Softinos steht für komfortable, weiche Alltagsschuhe. Das Motto lautet süffisant »Soft shoes make feet happy«. Die Marke positioniert sich als Alternative für alle, die Komfort nicht mit Langeweile gleichsetzen möchten.
Luís Onofre
Im Luxussegment ist Luís Onofre eine feste Größe. Der portugiesische Designer verbindet klassische Handwerkskunst mit modernem Couture-Anspruch.
Seine Damenschuhe werden in mehr als 40 Ländern verkauft und sind für ihre präzise Verarbeitung und elegante Formensprache bekannt.
Er ist gleichzeitig Präsident des APICCAPS-Verbands – eine Kombination aus Unternehmer und Branchenstimme.
Zouri
Zouri ist ein gutes Beispiel dafür, wohin sich die portugiesische Schuhindustrie entwickelt. Die Marke aus Guimarães stellt Sneakers und Sandalen aus recyceltem Meereplastik her – stilbewusst und konsequent nachhaltig.
Zouri hat sich in kurzer Zeit international einen Namen gemacht und steht für eine neue Generation portugiesischer Schuhmarken.
NAE Vegan Shoes
NAE steht für »No Animal Exploitation«. Die 2008 gegründete Marke produziert vegane Schuhe in zertifizierten Fabriken in Portugal und richtete sich von Anfang an an ein internationales, ökologisch bewusstes Publikum. Das Sortiment reicht von Sneakern über Stiefel bis hin zu Ballerinas.
La Paz
La Paz kommt aus Porto und verbindet maritimes Flair mit lokaler Produktion. Die Marke setzt auf natürliche Materialien und hat eine klare Ästhetik, die stark von der Atlantikküste inspiriert ist.
Nicht nur Schuhe, auch Kleidung und Accessoires gehören zum Sortiment. Wer in Porto shoppen geht, begegnet La Paz in nahezu jedem guten Designerstore.
Hinweis: Neben diesen Eigenmarken produziert Portugal auch für internationale Luxuslabels – welche, bleibt oft Betriebsgeheimnis. Wer also einen teueren Schuh kauft, der irgendwo im Norden Portugals entstanden ist, wäre nicht der Erste.
Warum Schuhe aus Portugal so besonders sind
Das Qualitätsversprechen portugiesischer Schuhe hat mehrere Grundlagen. Erstens: Leder. Portugal hat eine bedeutende Nahrungsmittelindustrie, was bedeutet, dass hochwertiges Rindsleder als Nebenprodukt im Land selbst anfällt. Kurze Lieferwege, bekannte Qualitätsstandards.
Zweitens: Handwerk. In den Betrieben im Norden arbeiten Fachkräfte, die ihre Tätigkeit oft von der Pike auf gelernt haben und das Wissen weitergeben. Drittens: Forschung. Das CTCP-Forschungszentrum treibt die Modernisierung aktiv voran, ob bei Automatisierung, Robotik oder neuen Materialien.
Das Ergebnis ist ein Preissegment, das sich bewusst vom asiatischen Massenmarkt absetzt. Portugiesische Schuhe richten sich laut APICCAPS gezielt an Verbraucher mit einem Einkommen auf oder über dem OECD-Durchschnitt.
Nachhaltigkeit: mehr als ein Trend
Die portugiesische Schuhindustrie hat Nachhaltigkeit als strategisches Thema identifiziert – und meint das erkennbar ernst. Bis 2030 investiert die Branche insgesamt 600 Millionen Euro in Modernisierung und ökologische Innovation, 140 Millionen davon aus dem europäischen Aufbau- und Resilienzplan.
Das Programm FAIST (Factory Agile, Intelligent, Sustainable and Technological) fördert konkret 45 Unternehmen bei der Einführung von Robotik, Digitalisierung und klimafreundlichen Produktionsprozessen.
Praktisch sieht das zum Beispiel so aus: Bei Carité, einem Hersteller aus der Region Felgueiras, übernimmt ein Roboter bestimmte Arbeitsschritte, während Handwerker die präzise Detailarbeit leisten. Mensch und Maschine im Tandem, nicht im Wettbewerb.
Materialien wie pflanzlich gegerbtes Leder, recycelte Textilien oder – wie bei Zouri – Plastik aus dem Meer sind keine Nischenprojekte mehr, sondern Teil einer breiteren Bewegung innerhalb der Branche.
Ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für Portugal
Die Schuhindustrie ist für Portugal weit mehr als ein Exportschlager. Sie ist einer der wichtigsten Industriezweige im Norden des Landes und sichert Tausende von Arbeitsplätzen in Regionen, die sonst kaum mit Großindustrie glänzen. Die Exportquote von rund 90 Prozent zeigt, wie international die Branche aufgestellt ist.
Die Jahre 2023 und 2024 waren allerdings nicht einfach: Inflation, hohe Zinsen und eine schwach laufende Konsumnachfrage in den wichtigsten Absatzmärkten haben den Sektor belastet.
Trotzdem blieben die Exportzahlen stabil, nicht zuletzt weil Portugal von einem wachsenden »Nearshoring«-Trend profitiert: Internationale Marken, die ihre Produktion näher nach Europa verlagern wollen, schauen verstärkt nach Portugal.
Schuhe aus Portugal kaufen – vor Ort oder online
Wer auf Reisen in Portugal gezielt nach Schuhen sucht, sollte nicht nur Lissabon im Blick haben. Zwar findest du in den Designervierteln wie dem Chiado oder der Rua Augusta viele der bekannten Marken – aber die echten Schätze liegen im Norden. In Felgueiras und Guimarães gibt es Fabrikverkäufe, in denen Qualitätsschuhe zu deutlich niedrigeren Preisen als im Einzelhandel angeboten werden.
Online sind viele der oben genannten Marken über ihre eigenen Shops erhältlich. Fly London und Softinos etwa sind auch über große europäische Online-Händler verfügbar. Wer gezielt nach »Made in Portugal« sucht, findet auf der Website von APICCAPS eine Übersicht über Hersteller und Marken.
Ein letzter Tipp für alle, die beim Einkaufen nicht auf Komfort verzichten möchten: Portugiesische Schuhe werden oft nicht in Schnäppchenkisten versteckt. Das Preissegment hängt mit dem Qualitätsversprechen zusammen. Wer 40 Euro für ein Paar Sandalen aus Portugal bezahlt, kauft etwas anderes als für 40 Euro bei einem Fast-Fashion-Händler.
Fazit
Portugal und Schuhe – das ist keine Zufallsverbindung. Jahrzehnte des Wandels, kluge Investitionen und ein hartnäckiges Festhalten an Qualität haben aus einem einstigen Zuliefererland einen eigenständigen Player gemacht.
Mit Marken wie Fly London, Luís Onofre oder Zouri hat Portugal längst seinen Platz auf dem globalen Schuhmarkt gefunden – und wer das nächste Mal durch Nordportugal reist, sollte ruhig mal einen Abstecher nach Felgueiras oder Guimarães machen. Am Ende kommt man möglicherweise mit einem neuen Paar Schuhe nach Hause.
Buchempfehlung
111 Gründe, Portugal zu lieben: Eine Liebeserklärung an das schönste Land der Welt
von Annegret Heinold (Autor)
Wer denkt, Portugal sei nur ein zweit- oder drittklassiges Reiseziel, der liegt gehörig falsch. Dies zeigt Annegret Heinold in ihrem Buch 111 GRÜNDE, PORTUGAL ZU LIEBEN.
